Gehörlosen Junioren Leichtathletik-EM in Karlsruhe

Eine Meisterschaft der Stille?!

Karlsruhe. (ver) - 140 junge gehörlose Sportler aus 19 europäischen Ländern werden vom 25. bis 27. August im Karlsruher Carl-Kaufmann-Stadion gegeneinander in verschiedenen Leichtathletikdisziplinen antreten. "Eigentlich ist alles genauso wie bei Leichtathletikmeisterschaften für Hörende auch" findet Petra Brandt, die Vizepräsidentin des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands. Und dennoch ist es irgendwie anders.

Der traditionelle Startschuss für Sprinter fällt hier auch, aber es reagiert kein Sportler auf diesen Startschuss! Eine Lichtsignalanlage ähnlich einer Ampelanlage ist in den leichtathletischen Laufdisziplinen als Starthilfe im Einsatz. Die Signale sind unmittelbar auf der Bahn vor dem Startblock des Athleten (beim Sprint bis einschließlich 400 m) bzw. in einigen Metern Entfernung auf der jeweiligen innenliegenden Bahnlinie (800 m) oder für alle gut sichtbar auf der Innenbahn (1500 m) platziert und ergänzen das akustische Startsignal. In Karlsruhe werden die Ergebnisse auf einer Videoleinwand angezeigt und der Applaus ist sichtbar in Form von erhobenen winkenden Händen.

Die Kommunikation ist nicht die Lautsprache sondern die Gebärdensprache

 

Gehörlos sein heißt kommunikationsbehindert sein. Gehörlose sind die einzigen Behinderten mit eigener Sprache und Kultur. Gerade für sie ist das Vereinsleben sehr wichtig, denn dort können sie ihre Gehörlosigkeit  vergessen, da es keine sprachlichen Barrieren gibt. Gebärdensprache ist aber wider Erwarten nicht international. Brandt ergänzt: "Es gibt sogar regionale Unterschiede". Trotzdem ist die Kommunikation auf internationaler Ebene kein Problem, denn es „reden" alle mit den Händen. Den Gehörlosen-Sport gibt es schon seit 1888 und ist damit der älteste Behinderten-Sport überhaupt. Aber der Verband gehört nicht dem Behinderten-Sportverband an und nimmt auch nicht an den Paralympics teil. Die absoluten sportlichen Höhepunkte für Gehörlose sind die Deaflympics und die Welt- und Europameisterschaften.

 

Viele Leute denken: Das ist doch keine Behinderung, da können Gehörlose doch mitmachen! Zum Beispiel beim Hundertmeterlauf. Aber gerade der Hundertmeterlauf ist technisch sehr anspruchsvoll, es hat mit Gleichgewicht zu tun und braucht viel Training und Kommunikation. Die verschiedenen Sportarten finden nach den Regelwerken der jeweiligen regulären Fachverbände statt. Allerdings unterstützen verschiedene visuelle Hilfen die Sportler ggf. dabei, die Sportarten „normal" ausführen zu können. Beispielsweise beim Fußball nutzt der Schiedsrichter zusätzlich zur Pfeife eine Fahne, um das Spielgeschehen zu leiten bzw. um Regelverstöße unmittelbar wahrnehmbar anzuzeigen. Beim Volleyball rüttelt der Schiedsrichter bei Fehlern am Netz. Beim Sprint signalisiert eine Ampel den Startschuss.

 

Obwohl viele Gehörlose sich nicht als behindert wahrnehmen, macht die Hörbehinderung im Sport einen Unterschied aus: Gehörlosigkeit beeinflusst das Erlernen der Bewegungsabläufe - Stichwort: Gleichgewichtsstörungen; Gehörlose nehmen akustisch übertragene Informationen, zum Beispiel den Klang des Balls oder die Nähe eines Mitspielers schlechter wahr. Diese subtilen Feinheiten können in einem Wettbewerb einen riesigen Unterschied ausmachen. Dass dennoch beachtliche sportliche Leistungen möglich sind, davon können sich die Sportinteressierten in der Region selbst ein Bild machen und die Wettkämpfe im Carl-Kaufmann-Stadion besuchen, der Eintritt ist frei !

 

Weitere Informationen rund um die Veranstaltung sind im Internet unter
http://www.euro-la2016.de/
zu finden.

Mit freundlicher Genehmigung von Reinhard Stark